3. Wortschatz und Wortbildung
Der Wortschatz ist komplett neu erfunden (a priori), aber sinnvoll verknüpft: Verwandte Begriffe teilen eine Wurzel, neue Begriffe entstehen durch Zusammensetzung.
Alle Wurzeln stehen im Wörterbuch.
Wurzeln
In den Lektionen: Lektion 2: Der erste Satz
Wurzeln beginnen und enden mit einem Konsonanten (z. B. nam). Allein sind sie kein Wort; erst eine Endung macht sie aussprechbar.
Silbensperre: Keine Wurzel beginnt mit einer Kurzwort-Silbe (Liste in Kapitel 6). Wegen der Betonung auf der vorletzten Silbe klingt ein Kurzwort vor einem Wort sonst wie ein einziges längeres Wort (mi name wie ein Wort „miname“). Für den Anfang von Wurzeln bleiben 33 Silben (75 minus 40 Kurzwörter, minus vu- und „ji“).
Grundart: Jede Wurzel hat genau eine Grundart: Tätigkeit, Eigenschaft, Ding oder Menge. Ein Begriff hat genau eine Wurzel: „Speise“ und „das Essen“ sind ein Begriff (nama), ebenso „Sprache“ und „das Sprechen“ (sena).
Grundart gebildeter Wörter: Ein abgeleitetes oder zusammengesetztes Wort hat die Grundart seines Begriffs, also der Wortart seiner Grundform im Wörterbuch: Nomen = Ding, Verb = Tätigkeit, Adjektiv = Eigenschaft, Mengenwort = Menge. Danach richten sich alle anderen Endungen: namalime heißt „eine Gurke sein“ (Gurke ist ein Nomen), ravenare „ein Lehrer sein“, vesagefa „das Lesen“ (lesen ist ein Verb). Hunger ist ein Nomen, deshalb heißt duraname „ein Hunger sein“; „Hunger haben“ = bure duranama.
Lautformen der Wurzeln
Länge nach Rang: Die häufigsten und bildungsstärksten Begriffe haben kurze Wurzeln aus Konsonant + Vokal + Konsonant, also zweisilbige Wörter (nima Wasser, vese sehen). Seltenere Begriffe (Stufe 3) haben lange Wurzeln aus Konsonant + Vokal + Konsonant + Vokal + Konsonant, also dreisilbige Wörter (dorala Elefant, sereme tauschen). Kurz sind rund 400 Wurzeln möglich; 278 sind vergeben (davon 15 Zahlwörter). Wegen der Unterscheidbarkeit bleiben je Bereich nur etwa 25 bis 55 freie Formen. Die Reserve ist für sehr häufige Begriffe und für Knotenbegriffe da, aus denen viele Wörter gebildet werden.
Unterscheidbarkeit: Zwei Wurzeln, die sich nur in einem Laut unterscheiden, sind verboten,
- wenn sie im selben Bereich liegen (sie kommen in denselben Gesprächen vor), oder
- wenn sie dieselbe Grundart haben und der Unterschied ein enges Lautpaar ist: b/v, p/b, t/d, k/g, f/v, m/n, l/r. Diese Paare verwechseln viele Sprecher (b/v im Spanischen, l/r im Japanischen).
Deshalb wurde das frühere „tal“ (groß) durch bir ersetzt: „tal“ und tol (klar) sind beide Eigenschaften im selben Bereich und unterscheiden sich nur im Vokal.
Für Kurzwörter gilt die Lautpaar-Regel nur als Richtschnur. Sie stehen an festen Stellen im Satz, und die Stellung trennt ähnliche Paare: ka/ga (Frage am Satzanfang oder nach einem Wort, „mit“ vor einem Nomen), te/de („als“ nach ro, „dass“ am Anfang eines Teilsatzes). Auch le/re sind deutlich genug. Streng gilt bei Kurzwörtern nur: Gegensatzpaare unterscheiden sich im Konsonanten.
Lange Wurzeln: Eine lange Wurzel beginnt nie mit einer kurzen Wurzel und endet nie auf eine Nachsilbe (-ar, -ev, -ot, -is, -en). Sonst wäre lange Wurzel + Nachsilbe gleich einer Zusammensetzung: „nimal“ + -ar- + -a ergäbe nimalara, und das heißt schon Regen (nim Wasser + lar fallen). Aus demselben Grund darf eine neue kurze Wurzel nicht der Anfang einer langen sein.
Wortlänge: Ein Wort hat höchstens 5 Silben; für häufige Wörter sind 4 das Ziel. Wird ein Wort zu lang, gibt es drei Wege: eine eigene Wurzel für einen Begriff, der in vielen Wörtern steckt (Baum gera statt „Pflanze + groß“, damit Wald nisagera statt „nisabimabira“), eine einfachere Bildung (bringen = halten + kommen) oder eine Wortgruppe aus zwei Wörtern. Ein Wort mit 5 Silben nimmt keinen Baustein mehr an. Begriffe, aus denen weitere Wörter gebildet werden, bekommen deshalb früh eine eigene Wurzel: Telefon gonela statt „senalipota“, damit Handy gonelisa möglich ist.
Auswahlregeln beim Erfinden. Sie betreffen nur die Wahl neuer Formen, nicht die Grammatik; ältere Wurzeln wie lah (fünf) bleiben gültig.
- Kein j oder h am Ende: Mit der Endung -i entstünde „ji“, und h zwischen zwei Vokalen geht beim schnellen Sprechen leicht verloren.
- Nicht zweimal derselbe Konsonant („nan“), damit die Wurzel deutlich bleibt.
- Keine Form, die in einer verbreiteten Sprache ein bekanntes Wort mit anderer Bedeutung ist oder vulgär klingt.
- Bei langen Wurzeln drei verschiedene Konsonanten.
Endungen zeigen die Wortart
In den Lektionen: Lektion 2: Der erste Satz · Lektion 3: Eigenschaften · Lektion 4: Sein ohne „sein“ · Lektion 12: Wollen, können, müssen
Jede Endung hat genau eine Aufgabe, egal an welcher Wurzel:
| Endung | Wortart | Aufgabe |
|---|---|---|
| -a | Nomen | der Begriff als Ding |
| -e | Verb | tun oder sein, was die Wurzel bezeichnet |
| -i | Adjektiv | die Eigenschaft |
| -o | Adverb | die Art und Weise |
| -u | Mengenwort | die Menge (nur an Mengen-Wurzeln) |
| Endung | Tätigkeit (nam essen) | Eigenschaft (bir groß) | Ding (dov Haus) | Menge (kir drei) |
|---|---|---|---|---|
| -a | nama das Essen | bira die Größe | dova das Haus | kira die Drei |
| -e | name essen | bire groß sein | dove ein Haus sein | kire drei sein |
| -i | nami zum Essen gehörig | biri groß | dovi hausartig | kiri dritter |
| -o | namo essend | biro auf große Weise | dovo nach Art eines Hauses | kiro dreimal |
| -u | – | – | – | kiru drei |
- -e an Ding-Wurzeln heißt „ein X sein“: dova hi dove. = Das ist ein Haus. Das ist dieselbe Regel wie bire = groß sein. Ein Ding-Wort wird nie zu einer Tätigkeit („hausen“), denn das müsste man für jede Wurzel einzeln lernen (Wasser + -e: trinken? gießen? schwimmen?).
- -i an Ding-Wurzeln heißt „wie ein X“. „Zum Haus gehörig“ oder „aus Stein“ sagt man mit Nomen + Nomen.
- -u gibt es nur an Mengen-Wurzeln. Ein Wort wie „namu“ wird nicht gebildet (wie vu- nur dort, wo es ein Gegenteil gibt).
Mit -u ist die letzte freie Endung vergeben. Künftige Wortarten müssen über Kurzwörter gelöst werden.
Ableitungs-Bausteine
In den Lektionen: Lektion 3: Eigenschaften · Lektion 11: Wörter bauen
Vorsilben bestehen aus Konsonant + Vokal, Nachsilben aus Vokal + Konsonant. So bleibt der Silbenbau immer erhalten.
| Baustein | Bedeutung | Beispiel |
|---|---|---|
| vu- | Gegenteil (nur wo es ein klares Gegenteil gibt) | biri groß → vubiri klein |
| -ar- | Person, die es tut | namara Esser |
| -ev- | Ort dafür | nameva Speiseraum |
| -ot- | Werkzeug dafür | namota Besteck |
| -is- | Verkleinerung | dova Haus → dovisa Häuschen |
| -en- | machen, dass es so ist oder geschieht | lagi offen → lagene öffnen |
Wie die Endungen hat jeder Baustein genau eine Aufgabe, die an jeder Grundart gilt:
| Baustein | Aufgabe | Tätigkeit | Eigenschaft | Ding |
|---|---|---|---|---|
| -ar- | Person, die zu X gehört | die es tut (namara Esser) | die so ist (mächtig → Herrscher) | die damit umgeht (Fisch → Fischer) |
| -ev- | Ort für X | wo man es tut (nameva Speiseraum) | wo es so ist | wo es X gibt (Buch → Bibliothek) |
| -ot- | Gegenstand für X | womit man es tut (namota Besteck) | der es so macht (hell → Lampe) | mit dem man X nutzt (Musik → Instrument) |
| -is- | kleiner, schwächer | schwächer tun (lieben → mögen) | etwas so (gleich → ähnlich) | kleiner (dovisa Häuschen) |
| -en- | machen, dass X ist oder geschieht | veranlassen (sehen → zeigen vesene, lernen → lehren ravene) | so machen (offen → öffnen lagene, tot → töten vuvelene) | zu X machen (Teil → teilen nifene, Bild → malen bavene) |
-en- ersetzt die frühere Bildung mit „machen“ als eigenem Glied („binelage“ für öffnen) und spart dabei eine Silbe. Zu unterscheiden von -ot-: lumota ist die Lampe (der Gegenstand, der hell macht), lumene heißt hell machen.
Einen Baustein für „getan“ (Partizip) gibt es nicht. „das gekaufte Haus“ wird mit Relativsatz gesagt (dova je mi nide po); häufige Zustände haben eine eigene Eigenschafts-Wurzel (offen, kaputt, fertig, bekannt).
Zusammensetzungen
In den Lektionen: Lektion 11: Wörter bauen
Das Hauptwort steht vorne, das Bestimmende folgt. Die Endung am Wortende zeigt immer die Wortart des ganzen Wortes.
Bindevokal: Zwischen zwei Gliedern steht immer -a-; die Wortart zeigt allein die letzte Endung. lesen aus „sehen“ + „schreiben“ ist vesagefe, Hunger aus „wollen“ + „essen“ ist duranama, grau aus Farbe + Stein ist nusaboti. Ein eingebauter Begriff behält seinen eigenen Stamm: Universität = Schule (raveva) + groß → ravevabira. So bleiben Tätigkeit und Ding wie bei den Wurzeln ein Begriff: senaduke singen, senaduka das Singen, das Lied. Früher richtete sich der Bindevokal nach der Wortart; das musste man für jedes Wort einzeln wissen.
- nama (Essen) + lim (grün) → namalima = Gurke
- getrennt: nama limi = „grünes Essen“; zusammengeschrieben: fester Begriff (wie „Handschuh“)
- Gesprochen unterscheiden sich Zusammensetzung und Nomenkette nur durch die Betonung: nisagera (Wald, ni-sa-ge-ra) gegen nisa gera („Ort des Baums“, ni-sa ge-ra). Ein fester Begriff soll deshalb nie etwas ganz anderes bedeuten als seine Kette.
- Eigennamen werden nie zusammengesetzt, sie stehen immer als eigenes Wort: rava Senatola (siehe Kapitel 4, Nomen + Nomen).
Beispiel: Wortfamilie sen
In den Lektionen: Lektion 11: Wörter bauen
| Wort | Bedeutung |
|---|---|
| sena | Sprache, das Sprechen |
| sene | sprechen |
| seni | sprachlich |
| senara | Sprecher |
| Senatola | „Sprache-klar“ = klare Sprache, Name der Sprache |